Installationsansicht, Jahn und Jahn, München, 2026
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Eröffnung am 29. Januar, 18 bis 20 Uhr
Henri Michaux
For All and Against Everyone
„Kein Geschöpf“, so Thomas von Aquin, „kann in seiner Natur eine höhere Stufe erreichen, ohne das es aufhört, zu existieren.“ [1]
Einen Anfang mit Michaux zu machen ist zum Scheitern verurteilt. Es verhält sich mit ihm wie mit dem Zufall. Jeder Gedanke, jeder Impuls, jede Zuversicht zerfällt im gleichen Moment wieder. „Ich schreibe, um mich zu durchqueren. Malen, komponieren, schreiben: mich durchqueren. Da liegt das Abenteuer, am Leben zu sein.“ [2]
Der Zufall und der Zerfall sind seine Rezeptur, die durchdrungen ist von einer Antimaterie, die schier endlos in die kleinsten Kapillaren der Existenz vordringen möchte. Michaux hat es geschafft, ein Protokoll des Lebens zu entwerfen, das weder einem Stigma entspricht noch eine Logik verfolgt. Es ist vielmehr eine Recherche, im Schreiben wie im Zeichnen, nach dem Moment, in dem wir die Orientierung verlieren und ins Straucheln geraten, damit unsere Existenz in der selbstverschuldeten Realität aufschlägt. Michaux war Zeit seines Lebens ein Suchender, der in der Zeichnung einerseits den malerischen Spuren und andererseits dem eigenen künstlerischen Scheitern auf der Spur war.
Seine Spurensuche reicht zurück in das Paris der 1920er und 1930er Jahre; in eine Stadt, die zu jener Zeit das Zentrum der Dichtung und der Malerei war. Der gebürtige Belgier Henri Michaux (1899–1984) war bereits als erfolgreicher Schriftsteller tätig, als er die Zeichnung für sich entdeckte. Auf ausgedehnten Reisen zwischen 1927 und 1937 durch Lateinamerika, Indien und China entstanden die ersten Arbeiten auf schwarzem Papier. Mit den 1940er Jahren nahm das bildnerische Werk an Fahrt auf; umfangreiche Werkgruppen auf Papier entstanden. In den 1950er Jahren schuf er die viel rezipierten Mouvements, im Anschluss die Meskalin - Zeichnungen. Zahlreiche Publikationen von Henri Michaux widmeten sich bereits den Einschnitten im Leben des Künstlers und dem Versuch, sein Schaffen in werkspezifische Geometrien einzuordnen. [3]
Entscheidend ist an dieser Stelle zu verstehen, was seine Zeichnungen sind: „Bücher sind langweilig zu lesen. Keine freie Zirkulation. Man wird aufgefordert, zu folgen. Der Weg ist vorgezeichnet, ein einziger. / Ganz verschieden davon das Bild: unmittelbar, total. Links, auch rechts, in die Tiefe, nach Belieben. / nicht eine Wegstrecke, tausend Wegstrecken, und die Zwischenräume sind nicht eingezeichnet. Sobald man es wünscht, ist das Bild ganz und gar neu. In einem Augenblick ist alles da. Alles, aber noch nichts bekannt.“ [4] Der Dichter versteht die Zeichnung nicht als ein abgeschlossenes Werk. Viel mehr interessiert ihn die Serialität und das Verständnis, dass jede Bewegung, die aufgetragen wird, im Zusammenhang mit einer nicht enden wollenden Aneinanderreihung von Übungen und Gedanken steht, die sich nicht auflösen lassen. Alles Lineare war ihm zuwider und suspekt; in einem Satz: Er malte, „um mich zu entkonditionieren“. [5] Um sich zu entwöhnen und sich immer wieder selbst zu dekonstruieren.
In ihrer Unmittelbarkeit und Direktheit, Serialität und Flüchtigkeit stehen die Serien Mouvements (1950–1951) und Mescaline (1955–1960) beispielhaft für die hier abgebildeten Werkgruppen. Michaux, so sein guter Freund und Mitstreiter E.M. Cioran, war einer, „der alles ins Werk setzt, um nicht ans Ziel zu gelangen“.[6] Er war nicht nur an der Zeichnung interessiert, sondern auch am Trägermaterial, am Papierbogen, der mit dem wässrigen Pigment interagiert. Teils wässerte er das Papier, die Reaktionen der Faserstoffe kamen nahezu einem Eigenleben gleich, das auf sein Gegenüber reagiert. Das Zerfließen der Wasserfarbe gab einen Anhaltspunkt für eine Form, auf die Michaux Bezug nehmen konnte, ein Festhalten am Zufall. Diese Herangehensweise oder, wie er es nannte, „Auflösung“ führte zu Werkgruppen, die er in Marathonsitzungen, teils über Tage, bis zur totalen Erschöpfung entstehen ließ; Momente, in denen die malende Hand sich verselbständigte und ein Raster aus Zeichen entstand, die endlos ineinander übergehen.
Im Katalog der Ausstellung in der Galerie Daniel Cordier 1959 in Frankfurt ist im Anhang eine unsignierte Notiz von Michaux abgedruckt: Sie erläutert, warum die Werke keinen Titel tragen, denn es sind „Improvisationen ohne Gegenstand, Zeugen nicht von Gefügen, sondern der Bewegung“, und falls es einen Titel geben müsste, würde er lauten: „Moment 1, Moment 2, Moment 3, Moment 4, 5, 6 usw.“ [7]
Obwohl Michaux sein bildnerisches und schriftstellerisches Werk strikt zu trennen versuchte, sind es doch die gleichen Mittel, die er in beiden verfolgte.
„Ein Moment kehrt wieder, lässt zurück, stellt sich in Reih und Glied, ein Moment danach, ein Moment versinkt, ein verwandter Moment, ein nochmals zu sehender Moment, ein Moment noch“ [8] schrieb er 1967, als wollte er die titellose Serie, welche acht Jahre zuvor in Frankfurt gezeigt wurde, um eine Serie aus Worten, des immergleichen Wortes „Moment“ ergänzen, wenn nicht einholen.
Im Ausstellungskatalog, den Fred Jahn 1987, drei Jahre nach Michaux’ Tod, herausgab, legte der Schriftsteller Michael Krüger nahe, wo wir den Künstler verorten sollen: „Wenn sehr bald auf die Literatur dieses unseligen Jahrhunderts zurückgeschaut wird, dann werden neben den großen epischen Monumenten und ihrer verzweifelten Suche nach einer gesellschaftlichen Wahrheit sehr bald kleinere Schriften ins Blickfeld geraten, deren unverbrauchter Reiz gerade darin liegt, einen großen Umweg um alles Gesellschaftliche und dessen Filiationen zu machen.“ [9]
So wird es sich vermutlich auch mit Michaux’ Zeichnungen und kleinformatigen Bildern verhalten. Eine Konfrontation mit allem Fremden, im inneren wie im äußeren Dasein. Ein Rückgriff auf die Frage nach einer „höheren Stufe“, die wir nie erreichen werden, der wir uns aber annähern können. Diese existentielle Haltung ist zeitlos und in ihrer Klarheit und Radikalität an Aktualität kaum zu übertreffen. Michaux muss heute mehr denn je gesehen und gelesen werden, am besten in täglichen Rationen, dem Scheitern zum Trotz.
Für dieses Projekt sind drei Galerien: Jahn und Jahn, Galerie Haas und David Nolan Gallery, zusammen-gekommen. Seit vielen Jahrzehnten sind sie international miteinander vernetzt und haben immer wieder ver-trauensvoll kooperiert. Umso schöner ist es, dass diese gewachsenen Beziehungen nun in einer ge-meinsamen Ausstellung Ausdruck finden.
Die Idee zu einer Ausstellung, die an drei Orten, in drei Galerien und in einem Jahr stattfindet und ein Konvolut von insgesamt 107 Arbeiten von Michaux präsentiert, ist dem Nachlass des Künstlers zu verdanken. Die Arbeiten, die in München, Zürich und New York gezeigt werden, waren größtenteils noch nie öffentlich zu sehen und stehen dementsprechend erstmalig zum Verkauf. Das Konvolut umfasst Arbeiten auf Papier und auf Leinwandkarton. Teils sind Gruppen zwischen den drei Standorten aufgeteilt, teils wurden Werkgruppen zusammengehalten. Die Auswahl beschränkt sich nicht auf eine Zeit oder eine Gruppe im Werk Michaux’, sie greift vielmehr Bezugspunkte auf, die auf wichtige Werkphasen verweisen, wie beispielsweise die Zeichnungen der Serien Mouvements (1950—1951) und Mescaline (1955—1960).
[1] E. M. Cioran, Die verfehlte Schöpfung, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1981, S. 49.
[2] Darkness Moves: An Henri Michaux Anthology, 1927–1984, übers. von David Ball, Berkeley: University of California Press, 1994, S. 330.
[3] Wie etwa in dem Ausstellungskatalog Henri Michaux: Momente, herausgegeben von Dieter Schwarz für das Kunstmuseum
Winterthur 2013 nachzulesen ist.
[4] Henri Michaux, Das bildnerische Werk. H.g. Wieland Schmied, München: Verlag Fred Jahn, 1993, S. 63.
[5] Zeichen. Köpfe. Gesten, trans. Helmut Mayer, Bern/Wien: Piet Mayer, 2014, S. 5.
[6] Peter Hamm, „Ich bin durchlöchert“, https://www.zeit.de/2006/50/L-Michaux (aufgerufen am 1.1.2026).
[7] Henri Michaux: Aquarelle, Temperabilder, Federzeichnungen, Ausst. Kat., Galerie Daniel Cordier, Frankfurt a.M., 3.2.–15.3.1959,
1959, zitiert nach Henri Michaux, Momente, hg. Dieter Schwarz, Ausst. Kat., Kunstmuseum Winterthur, 2013, S. 15.
[8] Momente, Durchquerungen der Zeit, 1967, München: Hanser Verlag, 1983, S. 80.
[9] Henri Michaux, Bilder Aquarelle Zeichnungen Gedichte Aphorismen, hg. Michael Krüger, München: Verlag Fred Jahn, 1987, #
S. 9.
Tim Geißler
Henri Michaux, geb. 1899 in Namur, Belgien, gest. 1984 in Paris, wächst in Brüssel auf. Nach Abbruch eines Medizinstudiums heuert er von 1919-1921 als Matrose in der Handelsmarine an. 1922 Rückkehr nach Brüssel und Beginn der schriftstellerischen Tätigkeit, 1924 Umzug nach Paris. 1925 lernt Michaux die Malerei von Paul Klee, Max Ernst und de Chirico kennen. 1927 Veröffentlichung erstes wichtiges Buch „Qui je fus“. 1927-1937 Michaux ist auf Reisen, in der Türkei, in Südamerika, Indien und China. Er schreibt und veröffentlicht Bücher: „Un certain Plume“ (1930), „Un barbare en Asie“ (1933), „La nuit remue“ (1935), „Voyage en Grande Garabagne“ (1936). 1937 Michaux beginnt, regelmäßig zu zeichnen und zu malen und hat seine erste Einzelausstellung in der Libraire-Galerie de la Pléiade in Paris. 1946 beginnt er mit experimenteller Malerei unter Drogeneinfluss. 1955 nimmt Henri Michaux die französische Staatsbürgerschaft an. 1959 Teilnahme an der documenta 2, 1960 Teilnahme an der Biennale in Venedig, 1964 Teilnahme an der documenta 3. Ebenfalls 1960 Auszeichnung mit dem Einaudi-Preis. 1965 lehnt er den „Grand Prix National des Lettres“ der Republik Frankreich ab. 1965 erste Retrospektive zu seinem Werk im Musée d’Art Moderne in Paris.
Ausgewählte Einzelausstellungen: 2024 Lee Ufan, Arles; 2020 Jahn und Jahn, München (Kat.); 2018 Guggenheim Bilbao; 2013 Kunstmuseum Winterthur; 2007 National Museum of Modern Art, Tokio (Retrospektive); 2000 The Drawing Center, New York; 2000 Galerie Fred Jahn, München; 1999 Bibliothèque Nationale Paris; 1993 Bayerische Akademie der Schönen Künste, München; 1992 Galerie Fred Jahn, München; 1992 David Nolan Gallery, New York; 1990 Galerie Fred Jahn, München; 1988 David Nolan Gallery, New York; 1987 Galerie Fred Jahn Baaderstraße, München (Kat.); 1986 Galerie Fred Jahn, München; 1985 Biennale de Paris, Paris; 1983 Seibu Museum of Art, Tokio (Retrospektive); 1978 Musée national d’Art Moderne, Centre Georges-Pompidou, Paris (Retrospektive); 1978 The Solomon R. Guggenheim Museum, New York (Retrospektive); 1978 Musée d’Art Contemporain, Montreal (Retrospektive); 1976 Foundation Maeght, Saint-Paul-de-Vence (Retrospektive); 1976 Stadtmuseum Graz (Retrospektive); 1976 Museum des 20. Jahrhunderts, Wien (Retrospektive); 1975 Moderna Museet, Stockholm; 1972 Palais des Beaux-Arts, Brüssel (Retrospektive); 1972 Kestner-Gesellschaft, Hannover (Retrospektive); 1971 Palais des Beaux-Arts, Charleroi (Retrospektive); 1971 Musée de Beaux-Arts, Gant (Retrospektive); 1969 Von der Heydt Museum, Wuppertal; 1969 und 1963 Galerie Van de Loo, München; 1967 Palazzo Grassi, Venedig; 1965 Musée National d’Art Moderne de Paris, Paris (Retrospektive); 1965 und 1963 Cordier-Ekstrom Gallery, New York; 1964 Stedelijk Museum Amsterdam (Retrospektive); 1963 Robert Fraser Gallery, London; 1962 Galerie Daniel Cordier, Paris; 1960 Biennale, Venedig; 1960 Galerie Blu, Mailand; 1959 documenta 2, Kassel; 1958 Galleria dell’Ariete, Mailand; 1957 Palais des Beaux-Arts, Brüssel; 1952 Galerie Nina Dausset, Paris; 1951, 1946 und 1944 Galerie Rive Gauche, Paris; 1949 und 1948 Galerie René Drouin, Paris; 1946 Libraire-Galerie La Hune, Paris; s; 1942 Galerie de l’Abbaye (Léon Zack), Paris; 1938 Galerie Pierre Loeb, Paris; 1937 Libraire-Galerie de la Pléiade, Paris.