Nahe des Jardim da Estrela befinden sich die Galerieräume in einem traditionellem Stadthaus von schlichter Eleganz. Hier richten sich die neuen Arbeiten von Andreas Breunig ein. Einzelne Wandflächen werden mit Kartonagen verkleidet. Eine sonderbare Umzugsatmosphäre stellt sich ein, als wären die eigentlich zu schonenden Dielenböden um 90 Grad an die Wand verrückt worden. Zugleich erzeugt das ›papperne‹ Braun eine Grundierung für die neuen Bilder der Reihe Consequential Damage, die sich camouflage-artig in die Wände hineinmorphen. Es geht um Unschärfen und Umrisskanten, welche die großen Formate sowohl in die Architektur expandieren lassen als auch in sich festhalten. Bräunlich-beige Schichtungen evozieren mit opaken, orangefarbenen Schlieren, aufgesetzten Lineaturen, ovalförmigen Flecken und durchscheinender Leinwandstruktur ein gestisch-geläutertes In-Between, das sich in keinem chronologischem Malkontinuum auflösen lässt. Alles hat seinen Platz, aber nichts fügt sich in eine ganzheitliche Harmonie. Diese lustvoll gesetzten Störmomente unterlaufen jede Möglichkeit, die künstlerische Arbeit als dekorative Zutat für das repräsentative Erscheinen des Interieurs zu begreifen. Dies gilt auch für diejenigen Bilder der Reihe Consequential Damage, die kontrastreicher aus den weißen Wänden hervortreten: Hier arbeitet ein vielgestaltes Grau, das sich drunter und drüber entlang orthogonaler Richtungen ausbreitet, um Bildelemente in Orange, Blau, Grün und Rot zu arrangieren oder freizulegen.
Darüber hinaus gibt es außergewöhnliche, zweieinhalb Meter hohen Artefakte, die Andreas Breunig im Ausstellungsparcours so platziert, dass man mindestens dreimal aus unterschiedlicher Perspektive auf sie sie stößt. Sie stellen sich in den Weg. Die sogenannten Relocation Lamps hat Andreas Breunig aus Ateliermöbeln, Palletten und beweglichen Rollsockeln gebaut. Sie bestehen aus austauschbaren, unspezifischen Gebrauchselementen wie kleinen Regalen, Kästen oder Ablagen und aus jeweils einer sich wie eine Dusche krümmenden Röhrenleuchte inklusive Lichtschalter. So vergegenwärtigt Andreas Breunig den Kontext seines Ateliers als örtliche Bedingung des künstlerischen Schaffensprozesses installativ in der Ausstellung. Diese mobilen »Umzugslampen« erzeugen nicht nur ihren eigenen künstlerischen Anschein, sondern werfen grundsätzlich die Frage auf, was es bedeutet, die eigene künstlerische Arbeit in ein anderes Land zu verbringen und dort erfahrbar zu machen. Wie lässt sich der individuelle künstlerische Kontext mit dem Kontext des Ausstellungsortes in Bezug setzten? Der White Cube als egalisierender Ort, an dem überall auf der Welt universale, neutrale Bedingungen zu Betrachtung von künstlerischen Arbeiten herrschen, existiert nicht – erst recht nicht in den historischen Wohnräumen eines klassizistischen Stadthauses mitten in Lissabon.
Jede Relocation Lamp ist mit einer Fotografie ausgestattet, die »Moderne Privathäuser« im Bauhausstil zeigt. Allerdings sind die Bauwerke erheblich jüngeren Datums. Sie sind alle unmittelbar nach der Finanzkrise in den Jahren zwischen 2008 und 2012 entstanden. Gerade in diesem Zeitraum hat Lissabon und seine urbane Bevölkerung einschneidende, soziale Umbrüche erlebt. Der enormen Staatsverschuldung infolge der Finanzkrise begegneten die Regierungen mit rigiden, von der EU verordneten Sparauflagen, welche wiederum die Arbeitslosigkeit auf ein Rekordniveau ansteigen ließen. Zugleich warb die portugiesische Regierung um ausländisches Kapital, indem sie drittstaatsangehörigen Immobilienkäufern europäische Aufenthaltstitel und günstige Steuersätze verschaffte. Wohlhabende Immobilieninvestoren sind die Profiteure dieser Entwicklung. Durch die Vermarktung der Stadt als Wirtschaftsgut gelang schneller als erwartet ein rasanter ökonomischer Aufschwung – dieser jedoch auf Kosten der Einheimischen, die wegen der rapide ansteigenden Mieten in die Peripherie verdrängt wurden.
Diese unaufgelöste Ambivalenz der jüngsten Vergangenheit Lissabons schwingt ausdrücklich in der Ausstellung mit, nicht nur im prekären und durchaus humorvollen Habitus der mobilen Atelierartefakte, welche die Fotografien der modernen Stadtvillen beheimaten, sondern auch in der temporären Aneignung des Ortes, die Andreas Breunig mit seiner Ausstellung selbst vornimmt.
Katrin Dillkofer